29.03.2018 | Neuigkeiten & Interviews

INITIAL COIN OFFERINGS


Nicht mehr wegzudenken aus der Blockchain-Szene und dennoch nicht ohne Risiken: EY ICO-Experte Adrian Wons spricht über die innovative Finanzierungsmöglichkeit des Initial Coin Offerings und welche Punkte Start-up-Unternehmen beachten sollten, damit es erfolgreich wird.

 

Adrian Wons ist ICO-Experte bei EY in Berlin und Co-Autor im Bereich Initial Coin Offering, Tokengestaltung sowie digitaler Trends und deren Integration.

 

Adrian, EY ist ja eigentlich bekannt für seine Begleitung von IPOs, also von Börsengängen. Ein brandaktuelles Thema ist jetzt jedoch Initial Coin Offerings (ICOs). Worum geht es da überhaupt?

Es handelt sich hier um eine innovative Möglichkeit der Finanzierung für Start-up-Unternehmen, deren Businessmodell oder deren neues Projekt auf der Blockchain basiert. Im Zuge eines ICOs, oft auch Token Sale genannt, können Interessenten einen Token gegen meistens eine Kryptowährung (oft Ether oder Bitcoin) oder vereinzelt auch gegen Fiatgeld erwerben. Mit dem eingeworbenen Kapital entwickelt das Start-up dann die versprochene Plattform, auf der die Tokens verwendet werden können. Diese Tokens können die verschiedensten Formen annehmen, zum Beispiel die eines digitalen Vouchers für eine Serviceleistung oder eines ‚Coupons‘ für ein dahinter liegendes Anlagegut. Die begriffliche Annäherung des ICOs an ein Initial Public Offering (IPO), also einen Börsengang, kann hier irreführend sein, da die Tokens, die bei einem ICO emittiert werden, eine andere Funktion und Struktur haben, somit weder technisch noch rechtlich mit einer Aktienemission vergleichbar sind.

Wodurch zeichnet sich deiner Meinung nach ein ICO aus? Was sind die Vorteile gegenüber anderen Finanzierungsformen wie zum Beispiel Venture Capital?

Meiner Meinung nach bietet ein ICO Im Vergleich zu anderen Finanzierungsformen eine sehr viel direktere Möglichkeit der Kapitalaufnahme, da Investoren und Ausrichter über die P2P-Netzwerkinfrastruktur der Blockchain in Verbindung treten. Dieses rein digitale ‚Offering‘ erreicht nicht nur schnell große Reichweiten, sondern bietet auch einen manipulationssicheren Austausch von Informationen ohne zentrale Stelle. Bei den hier verwendeten Smart Contracts handelt es sich um digitale Vereinbarungen, die es ermöglichen, Verträge digital und ohne Intermediär abzubilden. Dies führt zur Reduktion von Transaktionskosten und erhöht die Vertragssicherheit. Vor allem die traditionelle Venture-Capital-Finanzierung kann hier strukturell nur schwer konkurrieren, weswegen die Finanzierung mittels eines ICOs der VC-Finanzierung schon längst den Rang abgelaufen hat. Interessant finde ich aber auch Hybrid-Modelle zwischen ICO und VC – hier können Gründer ihren Investoren nach einer erfolgreichen Seed-Finanzierung mit Venture Capital ein von den VCs abgenommenes Konzept oder einen Prototyp präsentieren und dann für ein darauf folgendes ICO bereits eine höhere Seriosität vorweisen. Etwas, was ich in letzter Zeit auch des Öfteren gesehen habe, ist, dass die VC-Finanzierung ein Bestandteil des Token Sale selbst war. Im Rahmen eines Pre-ICOs wurden hier größere Token-Pakete an VCs veräußert. Danach startete erst das eigentlich öffentliche ICO.

Ist ein Initial Coin Offering also für jeden geeignet, der eine Alternative zur Venture-Capital-Finanzierung sucht?

Definitiv nicht! Denn die angestrebte Idee, mit der Geld eingesammelt werden soll, sollte einen klaren Mehrwert zwischen der ‚On-Chain‘-Lösung, also einer dezentralen Blockchain-Lösung, gegenüber einer ‚Off-Chain‘-Lösung, einer eher zentralen Lösung, darstellen. Zu oft wurde ich in letzter Zeit nach Einschätzungen für Blockchain-Ideen gefragt, deren Realisierung keinen wirklichen Nutzen von dem Dezentralisierungsgedanken der Blockchain hatten und meist sogar einfacher zentral zu realisieren waren. Da weise ich gerne auf die Vielzahl von ICOs im vergangenen Jahr hin, bei denen Tokens ohne wirkliche Value Proposition für potenzielle Investoren und spätere Anwender ausgegeben wurden und somit nicht langfristig orientiert aufgestellt waren. Die dort angebotenen Tokens sind mittlerweile wieder vom Markt verschwunden, denn nur wenn das Businessmodell einen erkennbaren Mehrwert bietet und die Blockchain sinnvoll verwendet wird, können potenzielle Investoren gewonnen werden.

Ein ICO sollte also gut vorbereitet sein. Welche Punkte sollten deiner Meinung nach geklärt sein, damit ein Start-up ICO-ready ist?

Wie bereits erwähnt, sollte zunächst auf der Basis eines sattelfesten Blockchain-Businessmodells ein Token erschaffen werden, der idealerweise einen Mehrwert für potenzielle Anwender und Investoren darstellt. Für die Realisierung des Projekts werden neben einem starken Team auch Berater benötigt, die entsprechende Expertise in den verschiedenen Themenfeldern mitbringen. So sollte zum Beispiel das gesamte ICO rechtlich abgesichert und durch eine steuerliche Beratung begleitet werden. Nachdem dieses Konstrukt errichtet worden ist, sollte auf dieser Basis ein White Paper erstellt werden. Dieses dient als eine Art Verkaufsprospekt für Interessenten und bildet somit einen elementaren Baustein für ein erfolgreiches ICO. Parallel ist es essenziell, eine Community aufzubauen, um das ICO-Projekt weiter zu stärken. Die Expertise für die erforderlichen Punkte, um ICO-ready zu sein, findet sich natürlich nicht immer im eigenen Team, weswegen man sich entsprechend ehrlich selbst challengen sollte, inwiefern man externe Beratung benötigt. Können wir gewährleisten, dass das ICO juristisch einwandfrei durchgeführt werden kann? Können wir das ICO steuerlich richtig beurteilen? Können wir ein aussagekräftiges White Paper schreiben, das den Prozess und seine Benefits erklärt? Solche Fragen helfen meiner Meinung nach, sich klar darüber zu werden, welche zusätzliche externe Hilfe man braucht oder welche Teammitglieder man noch benötigt.

Welche Schlüsselpunkte siehst du für ein erfolgreiches ICO?

Von besonderer Bedeutung ist die Gestaltung eines Tokens. Denn nur wenn ein Token projektorientiert und eindeutig gestaltet wird und rechtliche wie auch steuerliche Implikationen abgewogen werden, kann ein Mehrwert für potenzielle Investoren geschaffen und ein ICO durchgeführt werden. Darüber hinaus sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass sowohl das Projekt selbst als auch der Token langzeitorientiert geplant und durchgeführt werden, um einen möglichst nachhaltigen Nutzen für die Investoren zu schaffen. Im Interesse eines sicheren digitalen Asset Market sollte außerdem der Umgang mit den Investoren fair und transparent gestaltet sein. Das bedeutet unter anderem auch, dass mögliche Risiken aufgezeigt werden müssen. Ein vielleicht manchmal unterschätzter Punkt für ein erfolgreiches ICO befasst sich mit der Problematik der Cyber Security. Die Geschwindigkeit der ICOs und die Irreversibilität von Blockchain-Transaktionen lockt Hacker geradezu an. In unserer EY-ICO-Studie letztes Jahr haben wir herausgefunden, dass etwa zehn Prozent aller ICO-Finanzierungsgelder durch Hacker entwendet wurden, meist durch Phishing. Letztlich sollte auch unbedingt darauf geachtet werden, dass die ICO-Prozesse in allen relevanten Märkten juristisch compliant sind. Dies kann beispielsweise durch frühzeitige rechtliche Beratung erreicht werden.

Wie wichtig ist die Gestaltung des Tokens, der während des Token Sales an die Investoren ausgegeben wird?

Mit der Wahl des Tokens steht und fällt das ganze ICO. Denn je nachdem, wie der Token gestaltet wird und zu welchen Rechten die Inhaberschaft befähigt, entstehen unterschiedliche rechtliche und steuerliche Implikationen. Der Gestaltung des Tokens sind keine Grenzen gesetzt, daher finde ich den Bereich auch so spannend. Ein Token kann zum Beispiel als digitaler Voucher auf einer E-Commerce-Plattform dienen oder als Lizenz für die nächste Computersoftware. Aber auch die Möglichkeit, ein Anlagegut wie Gold an einen Token zu knüpfen, ist durchaus gegeben. Zum Beispiel hat Venezuela den Token Petro geschaffen, welcher an staatliche Ölreserven gekoppelt ist. In Zukunft werden wir vermehrt sogenannte Equity Tokens sehen, welche wertpapierähnliche Züge annehmen können, jedoch viel flexibler gestaltet werden können als bloße Aktien.

Wie siehst du die weitere Entwicklung von ICOs in den kommenden Jahren?

Ich denke, dass der Markt sich weiterentwickeln und reifen wird. Best-in-Class-ICOs werden neue Maßstäbe und Best-Practice-Fälle liefern, an denen sich ICOs orientieren können, insbesondere bezüglich der Struktur oder Geldwäschebekämpfung. Außerdem werden ICOs ohne Businessmodell kaum eine Chance mehr haben, da es zu viel Konkurrenz geben wird und Investoren das White Paper der Unternehmen genauer analysieren werden. Wahrscheinlich wird der Markt auch immer mehr reguliert werden. Grundsätzlich wird dies jedoch den Investoren und Ausrichtern entgegenkommen, denn eine Marktregulierung bedeutet zum einen mehr Sicherheit für potenzielle Investoren und zum anderen ein erhöhtes Interesse seitens der Unternehmen, ein ICO durchzuführen. Das könnte sogar dazu führen, dass auch große Unternehmen für Teilprojekte ein ICO ausrichten, um frühzeitig eine Community um das zu entwickelnde Produkt aufzubauen.

 

Dieses Interview sowie viele andere spannende Interviews und Artikel der aktuellen Berlin Valley Ausgabe findest du hier.

 

Hier geht es zur aktuellen ICO Studie „EY research: initial coin offerings (ICOs)“

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