07.02.2018 | Neuigkeiten & Interviews

„Eine bessere Reputation hätten wir uns nicht wünschen können“


SirPlus in Berlin ist deutschlandweit der erste Supermarkt für ausrangierte Lebensmittel. Für ihre Idee wurden Raphael Fellmer und Martin Schott jetzt mit dem EY Public Value Award for Start-ups ausgezeichnet. Im Interview spricht Raphael über Obst und Gemüse zweiter Klasse, zu viel Perfektionismus und die falsche Angst vorm Scheitern.

 

Raphael Fellmer von SirPlus

 

Ein Reste-Supermarkt für ausrangierte Lebensmittel: Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Raphael Fellmer: In Deutschland werden jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, allein deshalb, weil das Obst und Gemüse nicht so schön aussieht, wie es die Verbraucher erwarten, oder weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist – wobei dies ja nicht das Verfallsdatum ist! Gegen diesen Irrsinn wollten wir etwas tun. Wir wollen das Retten von Lebensmitteln zum Mainstream zu machen. Mit unseren Off- und Online-Stores wollen wir möglichst viele Menschen erreichen, so dass jeder mitmachen und seinen Teil beitragen kann.

 

Wie lange hat es gedauert, bis ihr eure Idee in die Tat umsetzen und euren Laden eröffnen konntet?

Raphael: Zuerst wollten wir eine Plattform aufbauen, um die Zusammenarbeit von Tafeln, Kältehilfen, Foodsharing- und anderen Non-Profit-Aktivitäten besser zu organisieren. Dann haben wir aber einen Unternehmer getroffen, der - ebenso wie wir – etwas gesellschaftlich Sinnvolles tun wollte. Er hatte die Idee, einen digitalen Marktplatz für Erzeuger und Händler aufzubauen – und daraus hat sich dann SirPlus entwickelt. Im Januar 2017 gründeten wir mit einem Startkapital von 100.000 Euro unsere Firma, und zwischen April und Juli konnten wir über ein Crowd-Funding noch einmal über 90.000 Euro einsammeln. Am 8. September eröffneten wir mit einem großen Medienrummel unseren ersten Laden in Berlin-Charlottenburg.

 

Was waren die größten Stolpersteine und Hürden auf eurem Weg?

Raphael: Unser Perfektionismus! Wir wollten zuerst einen richtigen Flagship-Store aufbauen, weil wir dachten, dass wir sofort das ganz große Ding drehen müssen. Dann haben wir uns aber für eine Nummer kleiner entschieden und einfach losgelegt. Das war im Nachhinein auch die richtige Entscheidung.

 

Hattet ihr schon einmal Schwierigkeiten, eure Regale zu füllen?

Raphael: Noch nie! Dafür gibt es einfach zu viele gute Lebensmittel, die weggeworfen werden sollen. Als wir den Laden eröffneten, hatten wir noch nicht ein so breites Angebot wie heute, wo wir über 150 unterschiedliche Artikel anbieten – wobei es Tag für Tag mehr werden. Das Gleiche gilt übrigens auch für unsere Kunden. Momentan sind es etwa 600, die täglich bei uns einkaufen. Es sind sowohl Menschen, die sparen wollen oder müssen, als auch solche, die umweltbewusst oder einfach neugierig sind. Damit sind wir auf einem sehr guten Weg, das Retten von Lebensmittel wirklich in die Mitte der Gesellschaft zu tragen.

 

Euer nächster Plan ist es, die ausrangierten Lebensmittel in ganz Deutschland zu verschicken. Wie geht ihr vor?

Raphael: Der Plan ist schon angelaufen, und wir haben bereits unsere ersten 800 Pakete erfolgreich verschickt. Wir haben in Berlin-Tempelhof ein 1000-m2-Lager angemietet, wo wir die Ware kommissionieren und von wo wir sie auch versenden; in Berlin liefern wir sie sogar am gleichen Tag aus! Über unseren Online-Shop kann jeder in Deutschland Lebensmittel retten – und dabei sogar noch Geld sparen, weil wir günstiger als der normale Handel anbieten. Jetzt planen wir, unseren Online-Shop zu skalieren und weitere Geschäfte in ganz Deutschland zu eröffnen. Dafür suchen wir neue Darlehensgeber.

 

Was war die wichtigste Erfahrung, die ihr seit eurer Gründung gemacht habt? Und was können andere Start-ups von euch lernen?

Raphael: Better done than perfect – und das auf allen Ebenen! Zuviel Perfektionismus kann wie eine Bremse wirken. Es ist gut, einen Plan zu haben, von dem man überzeugt ist. Aber dann gilt es, diesen Plan umzusetzen und loszulegen. Wenn man auf seine innere Stimme hört und ihr vertraut, kann es einem auch egal sein, was andere Leute sagen – selbst dann, wenn sie dich für verrückt erklären! Und man darf keine Angst vorm Scheitern haben. Denn dabei lernt man oft am allermeisten. Und das Leben geht weiter!

 

Ihr habt in Leipzig den zweiten Platz beim EY Public Value Award gewonnen. Was hat diese Auszeichnung für euch bedeutet?

Raphael: Sie war eine ganz große Ehre für uns! Ich finde es toll, dass sich ein Unternehmen wie EY Gedanken darüber macht, welche gesellschaftliche Bedeutung soziales Unternehmertum hat. Ich wünsche mir jetzt, dass die Auszeichnung uns dabei hilft, weitere Geschäftspartner und einen neuen Business Angel zu finden, der von unserer Idee überzeugt ist. Eine bessere Reputation als den EY Public Value Award hätten wir uns doch nicht wünschen können!

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