06.06.2018 | Neuigkeiten & Interviews

„Das Revival von Bancassurance“


Digitale Ökosysteme bringen Bank- und Versicherungsdienstleistungen zusammen. Das ist eine Chance für Start-ups, findet Christopher Schmitz, Partner von EY.

 

Herr Schmitz, wie können Banken und Versicherungen heute zusammenarbeiten?

Der Zusammenschluss von Banken und Versicherungen konnte in der Vergangenheit oft nicht die Erwartungen erfüllen. Es reichte nicht aus, den Vertrieb von Versicherungen und Bankprodukte zusammenzulegen. Die Produktwelten sind zu unterschiedlich, um die Beratungsleistungen mit bestehenden Vertrieben aus einer Hand zu erbringen. Heute leben wir in einer Welt, in der alle Finanzdienstleistungen mit hohem Tempo digitalisiert werden. Das Umfeld hat sich grundlegend verändert. Die Kunden wollen direkt mit Anbietern kommunizieren sowie ihre Finanzgeschäfte möglichst aus einer Hand abwickeln. Das eröffnet neue Chancen für die Zusammenarbeit von Banken und Versicherungen.

 

Was bedeutet das für Versicherungen?

Heute geht es darum, mit anderen Unternehmen zu kooperieren, um Antworten auf die veränderten Kundenwünsche und die neuen technischen Möglichkeiten zu gestalten. Die Fusion mit einer Bank ist dafür nicht nötig. Das liegt auch an der Regulierung: Open Banking – zum Beispiel in Form der Payment Service Directive 2 – löst das Monopol der Banken beim Zugriff auf Kundendaten auf. Das eröffnet auch für Versicherungen den Zugang zu diesen Daten. Um diese Chance zu nutzen, müssen sie mit anderen Finanzunternehmen zusammenarbeiten.

 

Wohin geht die Reise?

Plattformen sind die Zukunft. Denken Sie nur an Amazon. Der Konzern bietet ein umfassendes Waren- und Dienstangebot mit einer exzellenten Customer Journey. Im Finanzbereich zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab: Die Kunden wollen ein integriertes Angebot für ihre Bank- und Versicherungsgeschäfte.

Die Zukunft gehört dem Financial Home, einer zentralen digitalen Anlaufstelle für alle Bedürfnisse finanzieller Art. Dort können Kunden alle Finanzgeschäfte erledigen, gleich ob es sich um Bank-, Anlage-, Vorsorge- oder Versicherungsprodukte handelt.

Die Plattformökonomie macht es den Betreibern möglich, diese Dienstleistungen an einer Stelle anzubieten, ohne sie alle selbst zu erbringen. Gleichzeitig sichert sie den Plattformbetreibern „Reach and Frequency“ – Reichweite und Nutzungsfrequenz sind die Parameter, an denen der Erfolg in digitalen Ökosystemen gemessen wird. Es entstehen völlig neue Ökosysteme rund um das Financial Home. Das ist eine enorme Chance für Versicherungen, genauso wie für Banken und Start-ups, aber auch für die Plattformen wie Check24 oder Verivox.

 

Um diesen Weg zu verfolgen, müssten sich Versicherungen öffnen. Sind sie dazu bereit?

Wir beobachten sehr unterschiedliche Strategien. Die einen haben die Zeichen der Zeit erkannt, die anderen warten noch ab.

Klar ist, dass Versicherer neue digitale Lösungen benötigen. Sie können selbst Ökosysteme entwickeln oder sich mit ihren Produkten und Dienstleistungen an bestehenden beteiligen. Sie erschließen sich damit nicht nur einen neuen Vertriebskanal, sondern bekommen auch Zugang zu den Daten ihrer Kunden. Aus eigener Kraft kann eine Versicherung diesen Wandel nicht erfolgreich gestalten.

Dazu benötigen sie innovatives Know-how. Die Allianz zum Beispiel geht dieses Thema offensiv an. Der Versicherungskonzern integriert über seine digitale Investment-Einheit Allianz X viele innovative Unternehmen in sein Ökosystem. Bancassurance wird dabei unter anderem über die Beteiligung an der Smartphone-Bank N26, die auch Versicherungen vertreibt, positioniert.

 

Welche Chance bietet dieser Wandel den Start-ups?

Start-ups können selbst Teil des Ökosystems rund um die Plattformen werden oder selbst als B2B-Anbieter für den Betrieb von Plattformen auftreten. Die Grenzen zwischen den Branchen lösen sich immer weiter auf. Gute Beispiele dafür sind Start-ups wie Clark, Friendsurance oder Moneymeets, die bereits heute mit Banken und Versicherungen kooperieren. Ein weiteres großes Thema ist die künstliche Intelligenz, die bei Versicherungen in Zukunft enorme Chancen eröffnet. Viele Prozesse sind bei Versicherungen langsam, bürokratisch und teuer. Zum Beispiel lässt sich die Analyse und Abwicklung von Schäden mithilfe der künstlichen Intelligenz vereinfachen. Da können Start-ups mit ihrem Know-how punkten. Ein ganz wichtiges Thema sind auch Daten.

 

Welche Rolle spielen Daten bei Versicherungen?

Daten sind das neue Öl – das gilt auch für die Versicherungsbranche. Der Übergang von lang laufenden Verträgen zur Absicherung von Risiken zu transaktionalen Versicherungsprodukten wird die Produktwelt und die Risikoprofile von Versicherungen nachhaltig verändern. Die Erhebung von Daten wie zum Beispiel von Fahrprofilen oder Gesundheitsprofilen aus Fitness-Trackern oder eben die Daten aus dem Zugriff auf Bankkonten der Kunden eröffnen neue Möglichkeiten zur Optimierung von Versicherungs- und Anlageportfolien oder zur adäquaten Bepreisung von Risiken. Dabei spielen Start-ups eine wichtige Rolle. Versicherungen können auf der Basis der analysierten Daten maßgeschneiderte, individuelle Produkte entwickeln und damit situationsgerecht an die Bedürfnisse ihrer Kunden anpassen. Gerade dieser Aspekt macht diese Plattformen und die Kooperation mit innovativen Anbietern für den Bereich Bancassurance so attraktiv. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.

 

Christopher Schmitz

Christopher Schmitz 
leitet Fintech-Practice und den Bereich Operational Transacion Services für Financial Services in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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