27.07.2016 | Neuigkeiten & Interviews

Sei stark, sei schlau, sei Frau


Wie kann Genderparität in der Arbeitswelt beschleunigt werden? Was können Frauen hier tun? Was ist der Beitrag der Männer? Welche Rolle spielen neue Technologien? Uschi Schreiber, EY Global Vice Chair, darüber, wie Frauen in Zeiten des digitalen Wandels stärker in Führung gehen können – als Managerinnen und Unternehmerinnen.

Von Genderparität haben alle etwas
Genderparität in der Arbeitswelt und Gesellschaft, ist ein überragend wichtiges Thema, das in so gut wie alle Lebensbereiche hineingreift. Die Gleichstellung der Geschlechter ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch des Erfolgs von Organisationen und Gesellschaften. Es gibt ganz klare Beweise, dass Unternehmen und Staaten mehr erreichen, wenn sie Frauen gleichberechtigt mit einbeziehen. Es liegt also in unser aller Interesse, dass die völlige Gleichstellung von Männer und Frauen Wirklichkeit wird. Auf dem Women in Leadership Summit im Rahmen des EY World Entrepreneur of the Year 2016 Forum wurde wieder einmal deutlich, dass zur Verwirklichung der Genderparität unter anderem drei Dinge nötig sind: Männer müssen sich engagierter in die Genderdebatte einbringen, weibliche Führungskräfte und Unternehmerinnen müssen ihren eigenen, authentischen Führungsstil entwickeln, Frauen müssen heute und in Zukunft stärker in Technologie- und MINT-Berufen mitmischen.

Männer, wo bleibt ihr?
Obwohl Männer wie Frauen zu dem Summit eingeladen worden waren, fiel auf, das erstere nur sehr vereinzelt im Publikum vertreten waren. Sicher: es gibt auch nicht von der Hand zu weisende Vorteile von Meetings mit einem vorwiegend weiblichen Publikum. So kann die Diskussion auf einem hohen inhaltlichen Niveau geführt werden, was daher rührt, dass gemeinsame „weibliche“ Karriereerfahrungen und Hintergrundwissen aus erster Hand ausgetauscht werden. Aufgrund der Tatsache, dass männliche Teilnehmer am Wirtschaftsleben immer noch die meisten Senior- und Führungspositionen innehaben, ist es jedoch von entscheidender Wichtigkeit, dass Männer aktiv an der Diskussion über Geschlechtergleichbehandlung und –gerechtigkeit teilnehmen. Frauen und Männer müssen sich zusammenschließen, wenn ein wirklicher Wandel in der Arbeitswelt und am Arbeitsplatz stattfinden soll. Frauen erreichen mittlerweile eine ganze Menge als Führungskräfte am Arbeitsplatz oder Unternehmerinnen im eigenen Betrieb. Sie führen die Genderdiskussion weiter an. Diese Diskussion braucht aber männliche Führungskräfte als Diskussionspartner, damit sich ein vollständiges Bild ergibt, das als Blaupause für weiteres, zielführendes Handeln dienen kann. Im Interesse aller.

Frauen, bleibt ihr selbst …
Um die eigenen Stärken ausspielen zu können, müssen weibliche Führungskräfte Antworten auf zentrale Fragen finden. So wurde auf dem Summit die Kernfrage gestellt: „Was ist eine authentische und glaubwürdige weibliche Führungspersönlichkeit – und wie wird man eine?“ Margaret Heffernan, Entrepreneurin, CEO und Autorin von Beyond Measure: The Big Impact of Small Changes sowie zahlreicher anderer Bücher und Artikeln konnte einiges zur Diskussion beitragen. Ihr erster Rat an andere Führungsfrauen lautete: „Definieren Sie Ihre eigenen Spielregeln.“ Sie selbst hatte im Laufe ihrer Karriere erkannt, dass es nicht zielführend für Frauen ist, Männer und ihren Führungsstil zu kopieren. Nach den ersten Versuchen in dieser Richtung erkannte sie, dass dies kein Erfolgsrezept ist. Ihr Resümee aus ihren Erfahrungen: „Ich will nicht das Spiel anderer spielen. Ich glaube, dass wir Frauen dazu da sind, um die Spielregeln zu verändern.“ Der Standpunkt von Margaret Heffernan trug zu einer lebhaften Diskussion bei und warf viele Fragen auf. Fragen sind ein sehr guter Start, wenn man etwas verändern will. Jacqueline de Rojas, Präsident von techUK – dem britischen High-Tech-Verband, unterstrich an diesem Punkt: „Sie müssen kein Alphatier und Killertyp sein, um Ihre Angelegenheiten und Interessen durchzusetzen. Manchmal kann es viel effektiver sein, die „richtigen“ Fragen zu stellen.“ Also Fragen, die die Karten neu mischen.

Richtig fragen, weiter denken
Auf dem Summit wurden also „richtige“ Fragen gestellt, mit denen wir uns selbst und unsere Rolle als Führungspersönlichkeiten auf den Prüfstand stellten. Hier sind einige der Fragen, welche zum Nachdenken anregten:

  • Was will ich wirklich tun? Was mache ich gerne?
  • Was will ich überhaupt erreichen?
  • Achte ich auf meine Stärken? Respektiere ich meine Erfolge?
  • Kenne ich meine Schwächen? Kann ich diese kompensieren?
  • Kann ich Dinge konstruktiv hinterfragen und dann gekonnt managen?
  • Bin ich zu bescheiden? Fordere ich auch, was mir wirklich zusteht (Geld, Position, Respekt)?
  • Nehme ich genug Wissen auf, um weiter in der Spitzengruppe mitzuspielen?
  • Arbeite ich genug an meinen Netzwerken, die mich unterstützen und neue Möglichkeiten eröffnen?
  • Umgebe ich mich mit Leuten, die Widerspruch vertragen oder sogar begrüßen?
  • Unterstütze ich andere bei der Erfüllung ihrer Träume und Ziele?

Jacqueline de Rojas und Margaret Heffernan hoben die positiven Auswirkungen von „richtigen“ Fragen hervor, die das Team aktiv beteiligen und Vorausdenken begünstigen. Die Fähigkeit, aus intelligenten Fragestellungen zu lernen, wird immer wichtiger in einer Welt, die geprägt ist von disruptiven Technologien und rapide fortschreitenden Wandlungsprozessen. Wir brauchten smarte Persönlichkeiten und diversifizierte Teams, die in neuen Kategorien denken, um auf bahnbrechende Ideen zu kommen.

Technologien müssen weiblicher werden
Beschäftigt man sich mit der Genderparität, so zeigen sich immer wieder Möglichkeiten neuer Technologien für den Gleichstellungsprozess. Auf dem Summit kamen digitale Unternehmerinnen und Vordenkerinnen zu Wort, die hervorhoben, dass sich Frauen in größerem Umfang mit neuen Technologien befassen müssen. Weibliche Unternehmerinnen und Führungskräfte müssen verstärkt „Technik können“ und hier das entsprechende Wissen sowie die nötigen Qualifikationen mitbringen. Emer Coleman, CEO, Dsrpt, brachte es folgendermaßen auf den Punkt: „Ingenieure schreiben den Code der Zukunft und Frauen müssen auf dem Gebiet der Codierung eine stärkere Rolle spielen. Wenn sie den Code beherrschen, haben sie den Schlüssel zum Erfolg in der Hand.“ Jacqueline Simmons von Bloomberg News, die einen Teil des Gipfels moderierte, stellte fest, dass es in den technologischen Disziplinen noch einen deutlichen Mangel an Frauen gibt. Zahlreiche Studien zeigen, wie problematisch dies in einer Welt ist, in der MINT-Felder im Begriff sind, die Führung zu übernehmen. Vielen Frauen bleibt oft noch eine Fülle neuer Arbeitsmöglichkeiten verschlossen. Darüber hinaus arbeiten sie noch zu häufig in Bereichen, die von Routinen und Prozessen bestimmt sind, welche durch disruptive Technologien wie Automatisierung und Robotik obsolet werden. Daniele Fiandaca, Creative Social and Token Man führte hierzu aus: „Es gibt 1,4 Millionen Arbeitsplätze im Technologiesektor, aber nur 3% Frauen, die hier in den Startlöchern sind, um diese einzunehmen. Dies ist eine schockierende Statistik.“ Mädchen müssen schon im frühen Schulalter für technische Berufe und Fächer begeistert werden. Je früher, desto besser. Sie haben dann eine größere Chance, sich zu MINT-Berufen und technischen Fächern hingezogen zu fühlen – und in diesem Bereich ein Leben lang zu lernen.“ Um ihren Standpunkt deutlicher zu machen, vermittelte Emer Coleman den Summit-Teilnehmerinnen und Teilnehmern in einer Master-Class ihr technologisches Wissen. Hier wurde sehr deutlich, wie wichtig lebenslanges Lernen für den eigenen Erfolg in einer Welt im disruptiven Wandel ist. Mädchen und Frauen zu begeistern und zu motivieren, ist ein essenzieller Beitrag zur Verwirklichung der Gleichstellung von Mann und Frau – für die Gesellschaft und eine bessere Arbeitswelt. Es führt kein Weg daran vorbei, die Genderparität auf unsere Agenda zu setzen – und mit zahlreichen Initiativen wie den Summit und anderen Programmen zu unterstützen.

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