20.08.2015 | Neuigkeiten & Interviews

Prima Gründer-Klima in Deutschland?


Peter Lennartz von der EY Start-up-Initiative über einige wichtige Erkenntnisse aus dem neuesten Start-up-Barometer Deutschland 2015.

Was bewegt die deutsche und europäische Gründerszene in diesem Jahr? Was steckt hinter dem aktuellen Jahreshoch bei Risikokapitalinvestitionen? Was sind die Schattenseiten der Entwicklung? Das Start-up-Barometer gibt Antworten auf wichtige Fragen. Es basiert auf Research-Ergebnissen und einer aktuellen Befragung unter Gründern in Deutschland.

Alles Berlin, oder was …?

Berlin ist auch 2015 die Hauptstadt der Risikokapitalinvestitionen in Deutschland. Das war irgendwie klar. Weniger abzusehen war, dass die Spreemetropole bei der Gesamtsumme der Investitionen erstmalig an London vorbeiziehen konnte und nun sogar auf Platz eins in Europa steht. Dank eines massiven Anstiegs auf 1,4 Milliarden Euro und 81 VC-Investitionen im ersten Halbjahr 2015 überflügelte Berlin die britische Hauptstadt (1,1 Milliarden Euro und 82 VC-Investitionen). Hierbei muss allerdings angemerkt werden, dass das meiste Kapital in Berlin in global agierende Platzhirsche bzw. deren Start-ups floss und daher vom Geldregen noch zu wenige Firmenneugründungen profitieren. Insgesamt ist der Trend in der Hauptstadt jedoch positiv. Nach neuesten Erkenntnissen rückte das Berliner Start-up-Ökosystem im weltweiten Ranking um 6 Plätze auf Platz 9, in Europa hinter Tel Aviv und London auf Platz 3 vor und verzeichnete zwischen 2012 und 2015 die höchste Wachstumsrate aller Start-up Zentren weltweit.

Bei den VC-Investitionen, so das EY Start-up-Barometer, zeichnet sich für ganz Deutschland eine vielversprechende Entwicklung ab. In den ersten sechs Monaten 2015 gingen insgesamt 1,93 Milliarden Euro an hiesige Start-ups – mehr also als im gesamten Jahr 2014. Mit München und Hamburg können sich bei den Risikokapitalinvestitionen im laufenden Jahr zwei weitere deutsche Städte in den europäischen Top-6 platzieren. Im Bundesländervergleich kommt, nach Berlin mit  81 Finanzierungsrunden, Bayern mit bislang 16 und Nordrhein-Westfalen mit 11 Finanzierungsrunden. Auch die gesamteuropäische Entwicklung gibt Anlass zur Zuversicht: im ersten Halbjahr 2015 wurden bereits 662 Risikokapitalfinanzierungen gezählt. Die Risikobereitschaft der nationalen und internationalen Investoren scheint vor dem Hintergrund der Niedrigzinsen und der Volatilität der Märkte so hoch wie schon lange nicht mehr. . Auch in Europa wird 2015 zu einem Rekordjahr für Risikokapital. Während es 2013 insgesamt knapp fünf Milliarden waren, kamen 2014 schon 7,6 Milliarden Euro zusammen. Die drei größten Start-up-Märkte Europas – UK, Deutschland und Frankreich – sind auf dem besten Weg, 2014 zu übertreffen.

Wolken am Horizont …

Obwohl die Investitionen in Deutschland steigen, bewerteten jedoch nur 31 % der in der Studie befragten Gründer die Rahmenbedingungen in Deutschland  als „gut“. Der Anteil der Bewertungen mit „gut“ oder „befriedigend“ sank im Vergleich zum Vorjahr dabei sogar von 74 % auf 67 %!

Fast die Hälfte der Befragten (49 %) war für Lockerungen beim Kündigungsschutz bzw. Mindestlohn. Die größten Sorgen bereitet aber weiterhin die Finanzierung. Hier haben aktuell immer noch 38 % der Jungunternehmer Probleme, gegenüber 44 % im Vorjahr. Besonders Gründungen in den frühen Phasen Seed/Early (56 %)  benötigen  dringend Mittel für weiteres Wachstum. Investoren bevorzugen jedoch nach wie vor Unternehmen in späteren Phasen, bei denen sich das Risiko besser abschätzen lässt. Die meisten der befragten Start-ups nutzen Eigenmittel (61 %) und Cashflow (43 %) als Finanzierung. Bankkredite (11 %) spielen eine nur geringe Rolle, ganz zu schweigen von innovativen Finanzierungmodellen wie Crowdfunding (5 %). 73 % der Jungunternehmer forderten daher auch einen einfacheren Zugang zu Krediten. Auch peilen nur wenige Gründer bei einem möglichen Exit ein IPO an (17 %). Die Börse als Finanzierungsquelle von innovativen Geschäftsmodellen sollte hierzulande generell stärker in den Fokus rücken.

Jedoch gibt es im Start-up Barometer auch weitere positive Signale zu verzeichnen. Die Zahl der Gründungen pro Gründer und die Häufigkeit und Zufriedenheit  bei der Zusammenarbeit mit großen deutschen Unternehmen  steigt, wobei letztere noch schneller agieren könnten.

Traut! Euch! Raus!

Das Hauptgewicht bei Start-ups lag in Deutschland vornehmlich in den Bereichen Technologie/Software (35 % der Befragten) und e-Commerce (24 %). In der Werbe- und Marketingbranche mit ihren globalen und disruptiven Technologien agieren nur 9 %. Neben einer gewissen Vernachlässigung anderer innovativer Sektoren wie zum Beispiel Health Care (2 %) gibt es immer noch eine  starke Konzentration auf den deutschsprachigen Raum (64 %). Dies schränkt die Finanzierungsmöglichkeiten ein. Die befragten Start-ups sind im Durchschnitt vier Jahre und sieben Monate alt. Mehr als die Hälfte befindet sich derzeit in der Wachstumsphase, die meist auf die erste größere Finanzierungsrunde folgt. Die Konzentration auf einen bestimmten Raum schränkt natürlich auch die Finanzierungsmöglichkeiten ein. Das ist vielen Unternehmen hierzulande oft nicht bewusst und muss noch gelernt werden. Der Weltmarkt sollte mehr angepeilt werden, denn je internationaler Start-ups aufgestellt sind, desto größer sind die Chancen, Risikokapitalgeber anzuziehen. Hier gilt: „Think big, think global!“ Nur so können Wirtschaft und Gesellschaft in einer digitalisierten weltweiten Ökonomie mit Playern wie den USA und China mithalten. Success is a mind game. Gründer in Deutschland und Europa sollten daher alles dran setzen, dieses Spiel erfolgreich mitzuspielen – und mitzugestalten! Zu Hause, und draußen in der weiten Welt.

 

Peter Lennartz

Peter Lennartz
ist Partner bei EY sowie Steuerberater, Wirtschaftsprüfer. Er leitet die EY-Start-up-Initiative in GSA.
Peter.Lennartz@de.ey.com

 

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