09.11.2017 | Neuigkeiten & Interviews

„Ich sehe hier eine relativ volle Pipeline“


Ein Börsengang (IPO) gilt bei den meisten Technologieunternehmen nach wie vor als der Königsweg zur Aufnahme von frischem Kapital bzw. bei den Investoren zur Veräußerung ihrer Anteile. In Deutschland wagte im Sommer der deutsche Lieferdienstvermittler Delivery Hero den Sprung aufs Parkett. In den kommenden Monaten wird außerdem mit dem IPO des Kochboxenversenders HelloFresh gerechnet. Gemeinsam haben beide, dass sie aus dem Portfolio von Rocket Internet stammen, die selbst seit gut drei Jahren an der Börse gelistet sind.

VC Magazin: IPOs von jungen Technologieunternehmen sind in Deutschland nach wie vor eher selten. Ein kulturelles oder ein systemisches Defizit?

Steinbach: Ich bin der Meinung, dass wir in Deutschland im Vergleich zu anderen Märkten recht viele Leuchtturmunternehmen aus dem E-Commerce-Sektor an die Börse gebracht haben. Beispiele hierfür sind Zalando, Rocket Internet, elumeo, windeln.de, trivago, Scout24 und Delivery Hero. Wenn man unter Technologieunternehmen auch den Bereich Engineering fassen möchte, gibt es beispielsweise auch einige Automobilzulieferer, die in der jüngeren Vergangenheit ein IPO vollzogen haben. Ich sehe Deutschland hier durchaus führend in Europa. Historisch gehen hierzulande etwa zehn bis 15 Unternehmen im Jahr an die Börse. Sicherlich könnte man im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt mehr Marktkapitalisierung an der Börse haben, allerdings wird sich kurzfristig das gegebene kulturelle Umfeld nicht ändern.

VC Magazin: Worauf müssen sich Gründer/Geschäftsführer von Unternehmen vorbereiten, wenn sie an die Börse streben?

Steinbach: Hier geben wir zehn Empfehlungen mit auf den Wachstumspfad – am besten gleich von der Gründung an. Als Erstes sollte das Unternehmen so aufgebaut sein, dass jegliche Transaktionsoptionalität im Finanzierungsbereich bewahrt wird. Die Firma sollte also nicht nur „fit for purpose“ sein, sondern es sollten auch Anforderungen zukünftiger Finanzierungsoptionen rechtzeitig bedacht werden. Der zweite Punkt ist das richtige Team: Der CEO und der CFO sind hier die entscheidenden Personen für Investoren. Der dritte Aspekt ist, dass von Beginn an eine gute Equity Story formuliert sein und diese immer wieder bei Investoren getestet und verfeinert werden muss. Punkt vier zielt auf den gesteckten Meilensteinplan ab. Dieser sollte auf Basis klarer Kennzahlen erfüllt werden und zu einem bestimmten Zeitpunkt Profitabilität zeigen. Die fünfte Empfehlung ist, dass man um das Board zum richtigen Zeitpunkt eine starke zweite Führungsebene bildet und gleichzeitig renommierte externe Berater an Bord holt. Investitionen in Finanz- und Risikomanagementsysteme sind der sechste Punkt. Diese Systeme sind besonders dann wichtig, wenn man institutionelle Investoren als Kapitalgeber gewinnen will. Siebtens sollten die Beziehungen zu neuen Investoren aufgebaut und bestehende fortlaufend gepflegt werden. Wenn ein IPO eine relevante Finanzierungs- und Exit-Option ist, sollte achtens dieses bereits zwei bis drei Jahre vor dem Börsengang intern vorbereitet werden. Punkt neun ist eine holistische Bestandsaufnahme der eigenen Börsenfähigkeit mit dem Ziel, sich fit für die Börse aufzustellen. Zu guter Letzt gilt es, immer einen Plan B parat zu haben und so quasi auf das Unvorhergesehene im Kapitalmarkt vorbereitet zu sein.

VC Magazin: Viele Unternehmen, die ein IPO wagen, wurden vorher von Venture Capital-Gesellschaften finanziert. Wo liegen die größten Unterschiede dieser Kapitalgeber zu Investoren, die sich an börsennotierten Unternehmen beteiligen?

Steinbach: Die Unterschiede sind hier relativ eindeutig. Die frühen Kapitalgeber – meist eben Venture Capital-Gesellschaften oder Business Angels – sind die, die sich auch strategisch in ihre Beteiligungen aktiv einbringen. Dagegen senden institutionelle Investoren an der Börse unter Umständen ein Aufsichtsratsmitglied. Das Interesse an der Steigerung des Unternehmenswerts ist hier rein finanziell geprägt. Auch in ihrem Risikoprofil unterscheiden sich die beiden Investorengruppen. Während die frühen Kapitalgeber quasi ständig mit der Unsicherheit leben müssen, dass das Portfoliounternehmen scheitert, ist dieses Risiko für diejenigen, die erst beim Börsengang und danach einsteigen, deutlich geringer. Schließlich hat dann die Firma bereits eine Due Diligence durch Banken und ein Prospektbilligungsverfahren durch einen Regulator durchlaufen. Was beide Kapitalgeber eint, ist die Wichtigkeit des richtigen Teams und einer attraktiven Equity Story.

VC Magazin: Wie schätzen Sie die IPO-Pipeline im Bereich deutscher Technologieunternehmen in den kommenden zwölf bis 18 Monaten ein?

Steinbach: Hier sollte man immer zuerst den globalen Markt betrachten, da deutsche IPOs – wenn man diese überhaupt noch so nennen will – im Wettbewerb zu Börsengängen weltweit stehen. 2017 wird das beste IPO-Jahr seit 2007 werden. Stand Ende September gab es weltweit 1.156 Börsengänge, die rund 127 Mrd. USD an Kapital aufgenommen haben. Dabei stellt der Technologiesektor einen der Top-3-Bereiche dar. Es ist also ein gutes Sentiment gegeben. Gleichzeitig wird die Niedrigzinsphase aller Voraussicht nach mittelfristig weiter anhalten. Auch die Bewertungen der Unternehmen befinden sich auf einem hohen Niveau, was die IPO-Aktivität fördert. Die einzigen Wermutstropfen sind die geopolitischen Unsicherheiten. Insgesamt kann man also sagen, dass das Fenster für IPOs von Technologieunternehmen weit offen steht. In Deutschland kommt dazu, dass die Konjunktur hierzulande sehr gut läuft. Diejenigen deutschen Unternehmen, die im vierten Quartal 2017 ihren Börsengang nicht mehr schaffen, bereiten ihn für 2018 vor. Ich sehe hier also eine – für hiesige Verhältnisse – relativ volle Pipeline.

VC Magazin: Herr Dr. Steinbach, vielen Dank für das Gespräch.

 

Martin_Steinbach

Dr. Martin Steinbach
ist Leiter des IPO und Listing Services-Bereichs bei EY.

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