26.05.2015 | Neuigkeiten & Interviews

Future Mobility - wie das autonome Fahren das Verhältnis des Menschen zum Auto neu definiert.


Es ist schon erstaunlich, wie aufgeschlossen die Menschen für das Thema autonomes Fahren sind - und das, obwohl bislang noch kaum ein Autofahrer überhaupt Erfahrungen mit dem autonomen Fahren gesammelt hat. Eine von EY durchgeführte Umfrage unter 1.000 Autofahrern in Deutschland bestätigt diese Einschätzung: So können sich mehr als vier von zehn Befragten vorstellen, dem Autopiloten das Steuer zu überlassen. Wenn sie in Notsituationen zudem noch selbst eingreifen könnten, erhöht sich dieser Wert sogar auf 66 Prozent. Und nur 12 Prozent der Befragten lehnen es kategorisch ab, ein autonomes Fahrzeug als Fortbewegungsmittel zu nutzen. Dieser Vertrauensvorschuss gegenüber autonomen Fahrzeugen wird vermutlich noch steigen, denn bei jungen Autofahrern im Alter bis zu 45 Prozent könnten sich sogar drei Viertel vorstellen, dem Roboter das Steuer zu überlassen – bei den über 65-jährigen ist es lediglich jeder zweite.

Lässt man die technischen und rechtlichen Details zum autonomen Fahren einmal außer Acht und beschäftigt sich mit der eigentlichen Herausforderung hinter diesem Thema - dem Verhältnis Mensch zum Auto und damit dem Verhältnis Menschen-Maschine - so wird die eigentliche Dimension erst deutlich. Hierbei geht es nicht um die Frage, ob Maschinen in Zukunft den Menschen ersetzen und ihm die Arbeit wegnehmen und damit Arbeitsplätze nachhaltig vernichten. Hierzu haben bereits Theoretiker wie Karl Marx oder David Ricardo im letzten Jahrtausend Überlegungen angestellt, die sich jedoch als falsch herausgestellt haben. Vielmehr geht es um die Frage, in welchem Maße der Mensch bereit ist sein Leben einer Maschine anzuvertrauen.

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Wenn wir also das Steuer aus der Hand geben und dem Autopiloten die Verantwortung übertragen, geben wir somit die Kontrolle über das weitere Geschehen an eine Maschine ab. Damit stellt sich aber gleich die Frage, wieviel Fehlertoleranz erlauben wir dem Roboterauto? Hierbei hilft es eine Trennlinie zwischen überlebens- und nicht überlebensrelevanten Fehlern zu ziehen. Ein fehlerhafter Bankautomat oder falsch produzierende Maschine mögen zwar ärgerlich sein, sind aber nicht überlebensrelevant. Nun übergeben wir unser höchstes irdisches Gut - die Gesundheit und das Leben des Menschen an Bits und Bytes. Wohl wissend, dass wir enttäuscht werden müssen, denn eine vollkommene Sicherheit gibt es im Leben nie.

Das autonome Fahren beschreibt letztlich ein völlig neues Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Auto: Die Relationen zwischen Freiheit, Vernunft und Leben verschieben sich. Die Vernunft sagt uns als Autofahrer, dass wir maximal 30 Stundenkilometer fahren sollten, um Unfälle oder sogar Verkehrstote zu vermeiden - also Leib und Leben zu schützen. Der automobile Freiheitsdrang suggeriert aber Fahrgeschwindigkeiten von teilweise über 200 Stundenkilometer, wodurch Menschenleben hochgradig gefährdet werden. Letztlich gehen wir als Autofahrer stets Kompromisse ein, bei dem das Ziel der Weg ist, beispielsweise  schnell das Zuhause zu erreichen. Autonomes Fahren in seiner Vollendung bedeutet letztlich: Der Weg ist das Ziel, da der Weg irrelevant wird, weil der so fortbewegte Mensch den Nutzen des Weges hat, indem er den Weg und damit die Fortbewegung für andere Aktivitäten wie Lesen, Arbeiten oder Schlafen verwenden kann. Somit findet letztlich eine Entschleunigung bzw. Verschiebung auf der Tageszeit-, Arbeitszeit-oder Freizeitlinien statt.

 

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Welche Auswirkung hat dies aber für eine seit über 100 Jahren etablierte Automobilindustrie, insbesondere für die Automobilhersteller? Letztlich bedeutet der Wandel hin zum autonomen Fahren, dass die Autobauer - symbolisch gesprochen - das Steuer aus der Hand geben, aber weiterhin noch „In-Charge“ für das Automobil bleiben (müssen). Die Automobilindustrie muss also das „Steuern ohne Steuer oder auch Lenkrad“ zu ihrem Geschäftsmodell machen, um den inneren Wert des Automobils gegenüber dem bisherigen glanzvollen Design und Antriebsstrang für den Mobilitätskunden der Zukunft erlebbarer zu machen. Damit sind neue Kompetenzen, aber auch neue Kooperationen zwischen Autobauern und Unternehmen außerhalb der Automobilindustrie gefragt – und damit bestehen auch riesige Chancen für Start-ups, die sich in die Weiterentwicklung von neuen Geschäftsmodellen im Zusammenhang mit dem autonomen Fahrens einbringen können.

 

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Peter Fuss
ist Senior Advisory Partner Automotive bei EY. Er berät seit mehr als 25 Jahren Unternehmen der Automobilindustrie zu betriebswirtschaftlichen und strategischen Fragestellungen.
Peter.Fuss@de.ey.com

 

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