01.03.2016 | Neuigkeiten & Interviews

Der deutsche Patient


Peter Lennartz, Leiter der EY Start-up-Initiative GSA, und Franziska Dukatz, EY Advisory mit Schwerpunkt Healthcare, über den Digitalisierungsgrad im deutschen Gesundheitsmarkt, den Nachholbedarf und die Trends.

Was charakterisiert den deutschen Gesundheitsmarkt? Welche Rolle spielt die Digitalisierung? Wird genug in innovative Start-ups investiert?

Papier ist geduldig, wie lange noch?

Die medizinische Kompetenz im deutschen Gesundheitswesen ist unbestritten. Dennoch gilt es als überreglementiert, verkrustet, und, aufgrund von fehlender Vernetzung, als ineffektiv. Papier ist immer noch der Datenträger Nummer Eins. Innovationen sind dringend nötig.

Die Ausgaben im „ersten Gesundheitsmarkt“, also für die klassische Gesundheitsversorgung durch Ärzte, Zahnärzte, Kliniken, Pflegeheime und Medikamente, steigen seit vielen Jahren konstant. Und zwar stärker als das BIP, und vollkommen konjunkturunabhängig. Im Jahr 2013 wurden in Deutschland 315 Mrd. €, also 11,2% des BIP, ausgegeben. Digitale Lösungen werden oft mit dem Hinweis auf den Datenschutz ausgebremst. Ganze zwei Prozent der Ärzte sind online erreichbar. Kliniken benutzen digitale Anwendungen zurückhaltend und eher für interne Prozesse.

Und es bewegt sich doch etwas

In Deutschland sind die Krankenkassen bei Apps am weitesten vorn. Digitale Lösungen zur Prävention und Behandlung werden zunehmend angeboten. Auch die Pharmaindustrie ist in der Entwicklung von Apps aktiv, die überwiegend über Medikamente informieren.

Richtig interessant wird es in Deutschland im so genannten „zweiten Gesundheitsmarkt“. Also bei Leistungen, die nicht von den Krankenkassen bezahlt werden. Insbesondere beim betrieblichen Gesundheitsmanagement gibt es einen regelrechten Boom. Nach vorsichtigen Schätzungen dürfte der Umsatz im privaten Gesundheitsmarkt 2016 erstmals die 100-Milliarden-Euro-Grenze knacken. Das wäre, gemeinsam mit dem „ersten Gesundheitsmarkt“, über 15% des BIP. Alle digitalen Lösungen werden vorwiegend von Start-ups entwickelt.

Wohin geht die Reise?

Mit Apps, Wearables wie Fitness-Armbändern, Uhren, Schlafsystemen, Body Analyzern oder smarte Sportkleidung überwachen und analysieren Verbraucher ihre Gesundheit. Sie bekommen vereinfachten Zugang zu ihren medizinischen Daten. Das Geschäft mit der digitalen Medizin wächst vor allem in den USA. Hier könnten sich die Ausgaben bis 2020 von aktuell 60 Mrd. US $ auf ca. 220 Mrd. US $ fast vervierfachen.

Google, Apple, IBM und Co. drängen in den Gesundheitsmarkt. Google entwickelt den Prototypen einer Kontaktlinse, die Blutzuckerwerte überwachen kann, und hat kürzlich, neben Peter Thiel, in Oscar investiert. Das „heiße“ Start-up wird mit über eine Milliarde US $ bewertet. Es bietet Krankenversicherungen online an. Der Internetgigant investiert zudem in Calico, das mit Weltklasseforschern lebensverlängernde Technologien erforscht.

Und im deutschsprachigen Raum? Hier entwickeln an die 150 Start-ups verschiedene digitale Anwendungen. Tendenz steigend. MySugar und Emperra bieten Lösungen für Diabetes-Kranke, Töchter und Söhne informieren rund um die Pflege. Tinnitracks ist eine der ersten Apps, die über eine deutsche Krankenkasse genutzt werden kann. caterna bietet die erste App für Sehübungen auf Rezept, N€oNation Hirntraining und Clue einen Menstruations-Tracker für Frauen. Um nur einige wenige zu nennen. Auch im Gesundheitsbereich ist Berlin die Start-up-Hochburg, gefolgt von Hamburg, München sowie Köln/Düsseldorf und Zürich.

Mehr Geld für digitale Gesundheit

Im Jahr 2015 flossen über 4,3 Mrd. US $ in den US Digital Health-Sektor . Das ist ein leichter Anstieg zum Vorjahr. Allein 300 Mio $ flossen in Jawbon. Der Schnitt liegt bei 15,6 Mio. $ pro Deal und 7% der gesamten Finanzierungen in digitale Start-ups. Trends waren digitale Therapien, Prävention, Überwachung, Analytics und Big Data, sowie Digital Medical Devices, Gesundheitsdienstleistungen und Versicherungen. Investoren sind, neben Fonds mit HealthCare-Spezialisierung, auch Tech-Firmen wie Google oder Krankenhausbetreiber.

Über diese Zahlen kann man in Deutschland nur staunen. Dennoch geht es auch hier aufwärts. Die Investitionssumme dürfte aber 2015 nicht über 50 Millionen € bei maximal 20 Deals gelegen haben. Während in der Frühphase vor allem spezialisierte Investoren wie XLHealth, Peppermint, Digital Health Ventures, Think.Health, Flying Health investieren, wurden die Wachstumsfinanzierungen meist von weniger spezialisierten Geldgebern wie Atlantic Labs, Union Square Ventures (Klara, Clué, mimi.io), Robert Bosch Ventures (Emperra) oder dem HTG (sonormed / Tinnitracks) durchgeführt. Auch Unikliniken wie die Berliner Charité, Krankenhausbetreiber wie Helios oder Pharmaunternehmen wie Bayer treten als Investoren im Markt auf.

Im deutschen Gesundheitswesen gibt es nicht nur einen Nachholbedarf an digitalen Lösungen, sondern auch an Investitionen. Die Chancen und Potenziale sind riesig.

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Gesundheit nach dem iPhone-Prinzip

Interview mit Dr. Markus Müschenich, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin. Er ist Gründer und Managing Partner von FLYING HEALTH – die Startup-Manufaktur.

 
Herr Dr. Müschenich, was ist für Sie Digital Health?

Digital Health ist für mich Gesundheitsversorgung nach dem iPhone-Prinzip: Vollständig vernetzte Information und Kommunikation, hervorragende Usability, 24/7-Verfügbarkeit und keine Wartezeiten. Der Patient bestimmt den Versorgungsprozess und aus fragmentierten Informationen zur Krankengeschichte wird ein integrierter, smarter und globaler Versorgungsprozess.

Was müssen Start-ups mitbringen?

Sie müssen respektlos sein. Nicht gegenüber den Patienten, aber gegenüber Strukturen und Regeln, die gute Medizin verhindern. Dazu zähle ich das Fernbehandlungsverbot, lange Wartezeiten oder das Fehlen vernetzter Informationen.

Welche Trends sehen Sie?

Die Selbstvermessung via Wearables ist zum Alltag geworden. Die Gadgets werden immer kleiner, sogar implantierbar, und die ersten Nanosensoren überwachen die innersten Körperfunktionen in beeindruckender Perfektion. Im nächsten Schritt werden die Informationen dieser Sensoren über Multi-Sensor-Networks integriert werden – für die Vorhersage von Erkrankungen. Weitere Trends sind der Einsatz von Virtual-Reality-Anwendungen und Avataren.

Was hat es mit dem FLYING HEALTH INCUBATOR auf sich?

FLYING Health etablierte mit Caterna Vision die weltweit erste App-auf-Rezept für eine vollständig digitale Therapie und begleitete Patientus auf dem Weg zur ersten GKV-finanzierten Online-Sprechstunde. 2016 wird nun der FLYING HEALTH INCUBATOR in Berlin starten. Digital Health Start-ups mit Focus auf Erkrankungen der Psyche und des Zentralen Nervensystems werden in einem Zweijahresprogramm für den „ersten Gesundheitsmarkt“ fit gemacht. Auch unterstützen wir Start-ups bei der Finanzierung, der IP-Sicherung, der Zertifizierung und der Durchführung klinischer Studien.

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