27.03.2018 | Neuigkeiten & Interviews

Das Gründerklima in Deutschland wird besser


Deutsche Start-ups konnten im abgelaufenen Jahr Investitionen in Rekordhöhe einwerben. Christopher Schmitz erklärt, warum trotzdem weitere Schritte erforderlich sind, um die Rahmenbedingungen für Gründer zu verbessern.

Gute Nachrichten für Jungunternehmer: Die Bereitschaft, in deutsche Start-ups zu investieren, ist in den vergangenen zwölf Monaten deutlich gestiegen. Insgesamt konnten hiesige Gründer Risikokapital in Höhe von 4,3 Mrd. Euro einwerben. Dies entspricht einem Plus von 88 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ebenso stieg die Zahl der bundesweiten Finanzierungsrunden um fünf Prozent auf 507. Runtergebrochen nach Branchen kam dabei, neben dem E-Commerce-Sektor, vornehmlich Fintech-Unternehmen eine hohe Bedeutung bei. Allein 541 Mio. Euro flossen in 58 Transaktionen mit Schwerpunkt Finanztechnologie. Es stellt sich daher die Frage, wie sich dieses enorme Potenzial künftig weiter entfalten lässt.

Neue Investoren

Getragen wurden diese Erfolge von einem wirtschaftlichen Umfeld, dass Investitionen in Beteiligungskapital begünstigt. Einerseits aufgrund einer – neun Jahre in Folge – starken konjunkturellen Dynamik. Andererseits aufgrund des Interesses professioneller Anleger an alternativen Anlageformen vor dem Hintergrund der Niedrigzinsphase. Dadurch hat sich die Investorenbasis verbreitert. Neben internationalen Investoren, die sich bei großen Deal beteiligen, treten auch deutsche Risikokapitalgeber auf den Plan. Darunter befinden sich sowohl Corporate Venture Funds, als auch ehemalige Gründer, die nach einem Exit über Kapital verfügen und nun ihrerseits als Investoren agieren.

Besonders erfreulich: Auch die Konzerne in Deutschland interessieren sich stärker für Wachstumsfirmen. Multinationale Banken und Finanzinstitute versprechen sich von Kooperationen, den digitalen Wandel im eigenen Haus und ihrer Geschäftsmodelle weiter voranzutreiben. Waren es bisher vornehmlich Beteiligungen, sehen wir nun auch strategische Übernahmen: Jüngstes Beispiel sind der Kreditvermittler Lendico und die Direktbank ING Diba. In diesem Fall konnte eine Bank mit dem Geschäftsmodell eines Fintechs eine strategische Lücke schließen. Grundsätzlich sehen wir einen zunehmenden Druck aufseiten der Banken für solche Investments. Hintergrund sind geänderte Kundenanforderungen an digitale und mobile Angebote mit einer hohen Serviceorientierung und einem Höchstmaß an Transparenz beim Aufbau der künftigen digitalen Finanz-Ökosysteme.

Akzeptanz der Verbraucher für Fintech-Lösungen

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass die Akzeptanz deutscher Verbraucher für Fintech-Lösungen wächst. Zwar nicht in allen Bereichen und teilweise verhaltener als in anderen Märkten (etwa Israel). Dennoch lockt die Branche Investoren an, die sich nachhaltige Wertschöpfung etwa von Fintech-, Insurtech- sowie Regtech-Anwendungen versprechen. Am meisten Investitionskapital, fast 250 Mio. Euro, konnte im letzten Jahr für Modelle der Online-Kreditfinanzierung (Lending) eingesammelt werden. Das Fundraising für Spar- und Anlageprodukte (Savings) sowie für innovative Bezahlservices (Payment) brachte es auf ein Volumen von jeweils rund 100 Mio. Euro.

Wir beobachten jedoch, dass gerade in den Start-up-Frühphasen die öffentlichen Kapitalgeber noch eine sehr wichtige Finanzierungsquelle darstellen. Dass die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) über eine eigene Beteiligungsgesellschaft ab Mitte dieses Jahres insgesamt bis zu 2 Mrd. Euro bereitstellt, um Wachstumsinvestitionen von Business Angels und Wagniskapitalgebern zu fördern, ist daher sehr begrüßenswert. Deutschland zieht damit anderen Finanzplätzen nach: In Großbritannien etwa existieren schon seit einiger Zeit sogenannte Angel Co-Fonds und Risikokapital-Katalysator-Fonds. Insgesamt dürfte die Entwicklung eines Ökosystems für Gründer in Deutschland noch mehr Fahrt aufnehmen, wenn die Investitionsbereitschaft auch von vermögenden Privatinvestoren (etwa Family Offices) und institutionellen Anlegern (etwa Versorgungswerken, Versicherungen und Stiftungen) in Seed-Finanzierungsphasen weiter zunimmt.

Vernetzung erforderlich

Entscheidend dafür ist eine Vernetzung der bundesweiten Akteure des Ökosystems und entsprechender Initiativen von Wissenschaft, Politik und Privatwirtschaft. Ein Beispiel: Im vergangenen Jahr etablierten wir gemeinsam mit der Deutschen Börse und dem TechQuartier Frankfurt eine Plattform und Veranstaltungsreihe (Start-up Academy), die auf eine Verlinkung von Start-ups mit Investoren, Banken und Fintech-Experten abzielte. Wir waren beeindruckt von der Kreativität und Reife der Geschäftsmodelle vieler Newcomer-Firmen und dem hohen Interesse seitens von Förderern und Investoren, die sehr konkret Due Diligence-Prüfungen und potenzielle Finanzierungsrunden ausloteten.

Im konkreten Fall konnte ein Frankfurter Jungunternehmen eine fast siebenstellige Summe an Wachstumskapital für sich sichern. Beteiligt waren einerseits der High-Tech Gründerfonds (HTGF), der bundesweit größte Frühphasen-Finanzierer, der ebenfalls von der KfW gefördert wird, sowie private Kapitalgeber der Business Angels Frankfurt-Rhein-Main. Nur ein Beleg dafür, dass das deutsche Start-up-Ökosystem funktioniert, wenn die Marktakteure vernetzt an der Gestaltung attraktiver Rahmenbedingungen für FinTech-Neugründungen arbeiten. Neben der Verfügbarkeit von Wagniskapital müssen wir dafür den weiteren Abbau von Bürokratie (es dauert weiterhin zu lange und ist kompliziert, in Deutschland ein Unternehmen zu gründen) und die Frage nach steuerlichen Anreizen – sowohl für Investoren als auch für Gründer – aktiv angehen.

 

Christopher Schmitz

Christopher Schmitz
ist Partner bei EY und Leiter der deutschen FinTech-Practice. Gemeinsam mit der Deutschen Börse und dem Frankfurter TechQuartier hat sein Team die EY Start-up Academy ins Leben gerufen.

 

Quelle:
Erschienen am 8. März 2018 in CAPITAL digital
https://www.capital.de/wirtschaft-politik/das-gruenderklima-in-deutschland-wird-besser

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